Das Cowan Paradox: Weshalb du trotz KI mehr arbeitest


Hallo Reader

Künstliche Intelligenz verspricht, uns produktiver zu machen. Uns von lästigen Routinearbeiten zu befreien.

Aber KI befreit uns nicht von Arbeit. Im Gegenteil: KI sorgt dafür, dass wir sogar mehr arbeiten, um mit der Konkurrenz und den Erwartungen der Kunden mithalten zu können.

Der Staubsauger spart keine Zeit

Bevor der Staubsauger erfunden wurde, hat man jeweils im Frühling alle Möbel auf die Seite geschoben, den schweren Teppich nach draussen gebracht und den Staub ausgeklopft. Als der Staubsauger lanciert wurde, fiel diese aufwändige Arbeit weg. Verringerte sich somit der Aufwand für Hausarbeit?

Nein. Denn statt 1x pro Jahr den Teppich auszuklopfen, begann man nun, den Teppich wöchentlich zu saugen. Es war nicht mehr akzeptabel, einen staubigen Teppich zu haben.

Dies gilt nicht nur für den Staubsauger, sondern für alle Haushaltgeräte, wie die Historikerin Ruth Schwartz Cowan in den 80er Jahren herausgefunden hat. Technologische Innovation hat nicht für weniger Arbeit gesorgt, sondern nur die Tätigkeiten verändert. Und für neue Tätigkeiten gesorgt. Dieses Phänomen wird seither als Cowan Paradox bezeichnet.

…und auch KI nicht

Das gleiche Muster sehen wir aktuell bei Künstlicher Intelligenz. Wir hoffen zwar alle, dass wir nur einen Prompt von der ultimativen Produktivität entfernt sind. Vor unserem geistigen Auge sehen wir ein Heer von KI Agenten für uns arbeiten, während wir mehr Zeit für - ja, für was eigentlich haben?

Hand aufs Herz: Arbeitest du weniger, seit du KI nutzt?

Studie um Studie zeigt, dass die meisten Mitarbeitenden keine wirklichen Produktivitätssprünge durch KI sehen. Vielmehr haben sie das Gefühl, dass sie trotz (oder wegen) KI mehr zu tun haben und der Druck steigt.

In der Harvard Business Review erschien vor ein paar Wochen eine Studie über eine Tech-Firma mit 200 Mitarbeitenden. Während des Untersuchungszeitraums von 8 Monaten steigerten die Mitarbeitenden durch die Nutzung von KI ihr Arbeitstempo und erweiterten ihr Aufgabengebiet. Und dies nicht, weil die Führungskräfte es verlangten, sondern weil KI es möglich machte.

Die Designer und Product Manager begannen plötzlich selber zu programmieren. Andere übernahmen Aufgaben, die die Firma früher ausgelagert hat oder für die niemand Zeit hatte. Sie erfanden neue Tätigkeiten und Projekte.

Die Forscher stellten auch fest, dass die Mitarbeitenden während Meetings, in den Pausen und auch in der Freizeit die KI Tools nutzten. Es ist offenbar zu verlockend, nur noch kurz einen weiteren Prompt abzusetzen, um den Chatbot aktiv zu halten.

Nicht zuletzt nahm das Multitasking zu. KI läuft eben nicht autonom im Hintergrund, sondern benötigt immer wieder neue Inputs. Während man auf den Output wartet, beantwortet man noch ein Email, geht zurück ins KI-Tool für einen weiteren Prompt, dann zurück in die Excel-Tabelle usw.

Die Erwartungen steigen

So wie nach der Einführung des Staubsaugers von den Gästen erwartet wurde, dass der Boden immer staubfrei ist, so steigen auch Erwartungen an uns, weil wir ja nun KI als Hilfsmittel zur Verfügung haben.

Den Projektantrag kannst du ja sicher bis heute Abend fertigstellen. Die Analyse der Urlaubsdaten der letzten 24 Monate kann ja kaum mehr als eine halbe Stunde dauern. Warum schreibst du nur 10 Kunden pro Tag an und nicht automatisiert 1’000? Oder 10’000?

Der Standard wird ganz einfach angehoben.

Und wir befinden uns in einem Dilemma.

Natürlich können wir KI nutzen, um den gleichen Output in weniger Zeit zu generieren. Und stattdessen um 14 Uhr Feierabend machen. Aber was sollen wir tun, wenn unsere Konkurrenz weiterhin bis 17 Uhr arbeitet, aber dank KI mehr Output produziert?

1930 hat der britische Nobelpreisträger John Maynard Keynes prognostiziert, dass wir dank der Industrialisierung in 100 Jahren nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten werden. Nach fast 100 Jahren können wir sagen, dass dies bei weitem nicht eingetreten ist. Wir arbeiten zwar stundenmässig etwas weniger, aber dafür viel effizienter und produktiver. Plus wir haben viele neue Tätigkeiten erfunden.

Deshalb wird KI auch nicht den Weg zur 4-Tage-Woche ebnen. Und schon gar nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Meine Einschätzung

Dieser Artikel soll keine Kritik an KI als Technologie sein. Vielmehr ist es nun an der Zeit, dass wir uns Gedanken zu unserem Umgang damit machen. Und realistische Erwartungen an sie formulieren.

Wenn wir in unseren Unternehmen heute KI testen und einführen, müssen wir uns bewusst sein, dass KI unter dem Strich ziemlich sicher keine Arbeitszeit einsparen wird. Entsprechend ist es auch falsch oder mindestens absolut verfrüht, Mitarbeitende zu entlassen und durch KI ersetzen zu wollen.

Masse und Geschwindigkeit sind künftig kein Differenzierungsmerkmal mehr. Der Fokus muss vielmehr auf der Qualität der Tätigkeiten liegen und darauf, dass neue Tätigkeiten möglich werden, die früher zu lange dauerten oder zu teuer waren. Dies braucht aber wiederum Zeit. Führungskräfte dürfen nicht blindlings aufs Gaspedal drücken.

Nicht zuletzt wird die mentale Gesundheit nochmals wichtiger. Nebst dem zunehmenden Druck führt KI auch zu vermehrter Einzelarbeit am Computer. Hier braucht es eine offene Diskussion über die Erwartungen und Normen innerhalb des Teams und der Organisation. Und Führungskräfte müssen nochmals mehr auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden achten.


Wenn du bis hierher gelesen hast, interessieren dich offenbar die Auswirkungen von KI auf unsere Arbeitswelt. In meinem neusten Video zeige ich anhand von aktuellen Studienresultaten 7 Gründe auf, weshalb wir unsere KI-Nutzung überdenken sollten:

video preview

Bist du mit meinen Ansichten einverstanden? Oder siehst du es ganz anders? So oder so freue ich mich auf deine Rückmeldung!

Viele Grüsse,
Patrick


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